Kevin Schröder

Shutdown

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Im Wörterbuch der Lügenpresse lesen wir: »Es sind die vielen angloamerikanischen Wörter, […] die sprachlichen Streubomben, die bunten Wörter, hinter denen sich die Sprachfunktionäre verbergen.« Und ganz so, als wollten Regierung und Medien Kunkels Aussage bestätigen, betiteln sie die Maßnahmen zur Beschränkung des öffentlichen und vor allem des wirtschaftlichen Lebens, ganz weltoffen und bunt, mit dem Begriff »Shutdown«.

Anders als beim »Handy«, einer Vokabel, die englisch klingen soll, aber im angelsächsischen Sprachraum unbekannt ist, oder beim »public viewing«, was sich mit »öffentlicher Leichenschau« übersetzen lässt, ergibt »Shutdown« sogar einen Sinn. Abgesehen davon, dass der Begriff in den USA verwendet wird, um den Stillstand der Bundesbehörden im Anschluss an gescheiterte Budgetverhandlungen zu beschreiben, meint das Wort in seiner eigentlichen Bedeutungen »Herunterfahren«.

Das aber ändert nichts daran, dass es sich bei dem Wort in deutschen Zusammenhängen um einen Euphemismus handelt. Denn natürlich wurde die Volkswirtschaft in den letzten Wochen nicht in einem geordneten Prozess heruntergefahren, wie zum Beispiel ein Computer. Vielmehr hat sie eine unvorbereitete Vollbremsung vollführt, die Regierung ist, quasi bei voller Fahrt, in die Eisen gestiegen. Um das zu verschleiern, ist das »simplifizierte Englisch« von Vorteil, es »verhindert eine ins Detail gehende, sich vertiefende Konversation. Die Intelligenz wird blockiert«. (WdL)

So gesehen ist vielleicht ein anderer Anglizismus angebrachter, um die Stilllegung des öffentlichen Lebens zu beschreiben. Man bräuchte sich nicht einmal besonders umstellen, es bedarf lediglich einer leicht geänderten Aussprache und schon wird aus  »Shutdown« shot down, die Vergangenheitsform von to shoot down, niederschießen. Es käme dem, was seit Mitte März passiert ist, sogar um einiges näher.

Eine Wirtschaft, die stillsteht, kann nicht gegen die Wand fahren, auch nicht gefahren werden, sie liegt am Boden, wie jemand, der von jetzt auf gleich niedergeschossen wurde, hingestreckt von den Maßnahmen einer Regierung, die sich in ihrem wilden Aktionismus der übergroßen Zustimmung der Bevölkerung sicher weiß.

Jedenfalls im Moment. Wie lange sie sich dieser noch sicher sein können, steht freilich auf einem anderen Blatt. Die ersten Vorboten der Krise nach der Krise machen sich bereits bemerkbar. Tausende Unternehmen in Deutschland taumeln am Rande der Pleite, von der Lufthansa bis hinunter zum kleinen Einzelhändler. Nur das letztere nicht systemrelevant sind. Hunderttausende Firmen, die noch etwas mehr Luft haben, haben bereits Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeit schicken müssen. Dementsprechend befinden sich Stimmung, Einkommenserwartung und Anschaffungsneigung der Verbraucher im freien Fall. Oder anders formuliert: Das Konsumklima hat einen historischen Tiefststand erreicht.

979100_Kunkel_Woerterbuch_der_LuegenpresseUnd dies sind nur die innerdeutschen Herausforderungen. International sieht es derweil nicht besser aus. Angesichts der durch Corona ausgelösten beziehungsweise verschärften Wirtschaftskrisen in den drei Südländern Griechenland, Italien und Spanien, steht in Europa die EU vor einer Zerreißprobe. Und dass der Ölpreis zwischenzeitlich ins Negative gefallen ist, kann weltwirtschaftlich als Menetekel gewertet werden. Erst recht für eine Volkswirtschaft, die derart abhängig vom Export ist wie die deutsche.

Es bleibt abzuwarten, wann im Bewusstsein derer, die schon länger hier leben, der Euphemismus  »Shutdown« zu dem wird, was er tatsächlich ist: ein »shot down«.

Und, dass dann die momentane Regierungspolitik schonungslos auf den Prüfstand kommt. Noch atmet der Niedergeschossene, damit das auch so bleibt, muss Schluss sein mit der Diskusvermeidung!

Inzwischen gilt es, den Mächtigen weiter »aufs Maul zu schauen«, sie anhand ihrer Sprache zu entlarven, so wie es Kunkel in seinem Wörterbuch der Lügenpresse getan hat. Der Kaiser, oder besser: die Kaiser*In ist nackt. Und wir dürfen nicht ablassen, ihn/sie darauf hinzuweisen.

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Freitag, 01.05.2020