Michael Brückner

Börse: Ein Szenario wie 1929?

Das allmähliche Ende der Politik des Quantitative Easing (expansive Geldpolitik mit faktischen Nullzinsen) kann an den überhitzten Finanzmärkten zu einem Crash mit erheblichen Konsequenzen führen. Der Herbst dürfte an den Börsen sehr ungemütlich werden.

Es gibt sogenannte Börsenweisheiten, über deren Sinn man zwar trefflich streiten kann, die aber immer wieder gern zitiert werden. Und zwar vor allem von den Moderatorinnen und Moderatoren der TV-Börsensendungen. Eine dieser angeblichen Weisheiten lautet: »Politische Börsen haben kurze Beine«. Soll heißen: Die Akteure an den Finanzmärken reagieren – wenn überhaupt – nur kurzfristig auf politische Veränderungen und gehen dann ziemlich schnell wieder zur Tagesordnung über. Das stimmt nur insoweit, als ein Regierungswechsel oder neues Personal an der Regierungsspitze allenfalls ein paar Stunden oder Tage für Attentismus sorgen. Anders ausgedrückt: Die Märkte werden nicht kollabieren, wenn uns zum Beispiel Angela Merkel endlich von ihrer Kanzlerschaft erlöst.

Politische Börsen können jedoch sehr lange Beine haben, wenn dahinter nicht nur kurzfristige, sondern dauerhafte Veränderungen stehen. Die Regierungsbildung in Italien etwa war keineswegs eine Laune des für seine politische Volatilität bekannten Landes. Sie war vielmehr die Folge der Migrantenkrise, die Italien als Mittelmeerland und damit als »Eingang zu Europa« besonders drastisch spürt. Und die Erfolge jener Parteien in der EU, die im Duktus der Mainstream-Parteien und -Medien als »populistisch« bezeichnet werden, sind ebenso wenig Betriebsunfälle wie der Brexit. Es handelt sich vielmehr um Symptome eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, den der Mainstream und das Political-Correctness- Oligopol zu Recht fürchten müssen. Ein Veränderungsprozess, der auch direkten Einfluss auf die Finanzmärkte haben wird, weil die dort handelnden Personen und Interessengruppen ebenfalls diesem Oligopol entweder angehören oder ihm nahestehen. Wenn sich in dieser Hinsicht nachhaltige Veränderungen abzeichnen, dann haben politische Börsen in der Tat sehr lange Beine.

Der Crash wurde nur aufgeschoben

Zur Rettung des Systems gehörten zum Beispiel die Null- und Negativzinsen der EZB, mit denen man einen völligen Zusammenbruch des Euro quasi in letzter Minute verhinderte. Der Crash wurde aufgeschoben. Gleichzeitig flossen Geldmengen in nachgerade astronomischer Höhe in den Markt, was zu einem atemberaubenden Preisanstieg bei den Vermögenswerten führte. Das betrifft nicht nur den Immobilien-, sondern zunehmend auch den Aktienmarkt.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sonja Laud, die in London als Direktorin »Aktienstrategie Europa« für einen großen Fondskonzern arbeitet, illustriert diesen Vermögenszuwachs anhand von vier Zahlen: »Die US-Wirtschaft ist seit Anfang 2009 um 34 Prozent gewachsen, die Europas um 23 Prozent. Und die globalen Aktienmärkte? Sie stiegen um 190 Prozent, in den USA sogar um 260 Prozent«, sagte sie jüngst in einem Capital-Interview. Solche Aussagen geben umso mehr zu denken, als die Zunft, in der Sonja Laud arbeitet, in der Regel eher zu Schönfärberei neigt.

Der Liquiditäts-Tsunami hat offenkundig dazu geführt, dass den Marktteilnehmern jedwedes Risikobewusstsein abhandengekommen ist. Ein Beispiel: Vor etwa einem Jahr begab Argentinien eine 100-jährige Anleihe in einem Volumen von über 2 Milliarden Euro. Ausgerechnet Argentinien – ein Land, das im Laufe seiner Geschichte schon achtmal pleite war. Das störte die Anleger nicht, sie griffen zu, als lägen die Bonds gleichsam auf einem Wühltisch für Finanzprodukte. Was offenkundig ein Fehler war, denn in den vergangenen Wochen befand sich diese Anleihe im freien Fall.

Immer mehr Warner und Mahner

»Wir haben uns an zehn Jahre extrem üppige Liquidität durch die Notenbanken gewöhnt … Diese Unterstützung fällt nun weg. Es ist einfach ein völlig neues, schwierigeres Marktumfeld«, warnt Sonja Laud. In der Tat – das Marktumfeld ist nicht nur schwierig, vielmehr fehlt jede empirische Erfahrung. Keiner weiß so recht, was da auf uns zukommt, wenn die Notenbanken ihre Politik der quantitativen Lockerung (Ankauf von Wertpapieren durch die Zentralbanken und Nullzins-Politik) zurückfahren. Und wie es scheint, will auch keiner so recht über die Folgen nachdenken. Doch die Zahl der Mahner und Warner wird immer größer. Viele stellen bereits Parallelen zur Situation vor dem Mega-Crash des Jahres 1929 her. Auch damals wollte keiner die drohenden Gefahren wahrhaben. Wenige Tage vor dem seinerzeitigen Crash gab Irving Fisher, immerhin Ökonomie-Professor an der Yale University, zu Protokoll: »Die Aktienkurse haben ein dauerhaft hohes Niveau erreicht. Ich erwarte, dass die Kurse in wenigen Monaten ein gutes Stück höher als heute stehen werden«.

»Größte Blase der Geschichte«

Zu den Warnern und Mahnern gehört zum Beispiel der US-Politiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Ron Paul. Der 83-jährige sagte in einem Interview mit CNBC, »wir erlebten gerade die ›größte Blase in der Geschichte der Menschheit‹. Wenn sie platze, könne sich der Aktienmarkt halbieren.« Auch der Hedgefonds-Manager Greg Coffrey ist pessimistisch und vergleicht die derzeitige Situation an den Märkten mit der Lage vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Sein Kollege Russell Clark von Horseman Capital ist ebenfalls pessimistisch. Einer der Gründe: die Normalisierung der Geldpolitik durch die Zentralbanken. Das sind zugegeben nur drei Beispiele. Und alle drei Experten sind für ihren Pessimismus bekannt. Aber auch andere Marktteilnehmer, mit denen wir in den vergangenen Wochen sprachen, äußerten sich ähnlich – wenngleich nicht öffentlich.

Hinter vorgehaltener Hand sprachen sie von einer beunruhigenden Sorglosigkeit, die an den Finanzmärkten vorherrsche. So etwas sei typisch für eine Situation vor einer kräftigen Korrektur oder gar einem Crash. Abzulesen sei diese Sorglosigkeit an der geringen impliziten Aktienvolatilität, worunter die erwartete Schwankungsbreite von Aktien zu verstehen ist. In solchen Fällen bedarf es oft nur eines unvorhergesehenen Ereignisses (also des vielzitierten »schwarzen Schwans«), um eine Crash auszulösen. »Ich fürchte, nicht alle sind darauf vorbereitet, dass uns turbulentere Zeiten ins Haus stehen«, warnt Sonja Laud.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kopp Exklusiv.
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