Guy Soman

Die Mythen der Klimaforschung: Es ist an der Zeit, die globale Erwärmung wissenschaftlich zu untersuchen

Wir haben alle die Bilder von Eisbären gesehen, die auf Eisschollen treiben: sie sind die symbolischen Opfer der globalen Erwärmung, die die polaren Eiskappen schmelzen lässt, sie sind die Symbole für die Bedrohung der Erde durch unsere unaufhörliche Energieerzeugung – vor allem für das Kohlendioxid, das von Fabriken und Automobilen emittiert wird. Wir hören immer lautere Forderungen, Grenzwerte zu setzen und unseren verschwenderischen Lebensstil zu ändern, um nicht nur die Polarbären, sondern auch den Planeten und uns selbst zu retten.

Im politischen Diskurs und in den Medien werden große Stürme und Überschwemmungen oft als Zeichen des bevorstehenden Untergangs dargestellt, begleitet von Aufrufen zur Achtung der Natur und Umwelt. Es scheinen jedoch nur die Katastrophen unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Selten wird erwähnt, dass die Erwärmung auch einige Vorteile mit sich bringen würde, wie die Ausweitung der Getreideproduktion in den Permafrostregionen Kanadas und Russlands. Wir hören auch nicht, dass Menschen häufiger an kaltem als an heißem Wetter sterben. Vereinzelte Stimmen kritisieren die Besorgnis über die globale Erwärmung und betrachten sie als eine pseudowissenschaftliche These, deren wahres Ziel es ist, die wirtschaftliche Modernisierung und das Wachstum des freien Marktes zu vereiteln und die Macht der Staaten über individuelle Entscheidungen zu erweitern.

Da ich selbst kein Klimatologe bin, hatte ich immer Schwierigkeiten, mich zwischen diesen beiden Seiten und den jeweiligen Argumenten zu entscheiden. Und dann traf ich Judith Curry in ihrem Haus in Reno, Nevada. Curry ist eine Klimatologin. Sie leitete einmal die Abteilung für Geo- und Atmosphärenwissenschaften am Georgia Institute of Technology, bis sie den Job aufgab, um selbstständig zu arbeiten. »Unabhängige Forschung und Klimatologie sind unvereinbar geworden«, sagte sie.

»Meinen Sie damit, dass die globale Erwärmung nicht real ist?«, fragte ich. »Es gibt eine Erwärmung, aber wir verstehen die Ursachen nicht wirklich«, antwortete sie darauf. »Der menschliche Faktor und insbesondere Kohlendioxid tragen zur Erwärmung bei, aber wie viel das letztendlich ist, wird zum Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Debatten.«

Curry ist eine Wissenschaftlerin, keine Expertin. Anders als viele politische und journalistische Orakel äußert sie ihre Meinung niemals ohne Beweise. Und dazu hat sie Daten zur Verfügung. Sie erzählt mir zum Beispiel, dass sich die Erde zwischen 1910 und 1940 während einer Klimaepisode erwärmt hat, die bis zu einem gewissen Grad unserer eigenen ähnelt. Die Erwärmung kann nicht der Industrie zugeschrieben werden, da die meisten Kohlendioxidemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe zu dieser Zeit gering waren.

Tatsächlich sagte Curry: »Fast die Hälfte der im 20. Jahrhundert beobachteten Erwärmung fand in der ersten Hälfte des Jahrhunderts statt, bevor der Kohlendioxidausstoß groß wurde.« Daher mussten natürliche Faktoren die Ursache sein. Keines der Klimamodelle aller Wissenschaftler, die jetzt für die Vereinten Nationen arbeiten, kann dieses Phänomen erklären. Diese Modelle können auch nicht erklären, warum sich das Klima zwischen 1950 und 1970 plötzlich abkühlte und weit verbreitete Warnungen vor dem Einsetzen einer neuen Eiszeit auslöste. Ich erinnere mich an die Titelseiten von Magazinen aus den späten 1960er oder frühen 1970er Jahren, die den Planeten im Griff eines vernichtenden Eispanzers zeigten. Einer Gruppe von Wissenschaftlern zufolge sahen wir uns einem apokalyptischen Umweltszenario ausgesetzt – was jedoch genau das Gegenteil des jetzigen Szenarios darstellte.

Doch ist es nicht so, dass heute die Ozeane steigen und droht nicht die Gefahr, dass tiefer gelegene Großstädte und ganze bewohnte Inseln überflutet werden? »Ja«, sagte Curry. »Der Meeresspiegel steigt, aber dies geschieht seit den 1860er Jahren allmählich. Wir beobachten heute noch keine nennenswerte Beschleunigung dieses Prozesses.« Auch hier müsse man in Betracht ziehen, dass die Ursachen für den Anstieg des Meeresspiegels teilweise oder größtenteils natürlich seien, was laut Curry nicht überraschend für das »Klima« sei.

Solche Veränderungen seien laut Curry Teil eines »komplexen Phänomens, das sich aus vielen Prozessen zusammensetzt«. Ohne es wissenschaftlich belegen zu können, würden viele Menschen dem emittierten Kohlendioxid die Schuld geben. Sie erklärte dies folgendermaßen: »Einige Leute finden es beruhigend zu glauben, dass wir das Thema beherrschen können«, denn »nichts beunruhigt viele Wissenschaftler so sehr wie die Unsicherheit.«

Dies führt uns zu der Frage, warum Curry die Welt der Akademie und der staatlich finanzierten Forschung verlassen hat. »Die Klimatologie ist zu einer politischen Angelegenheit mit totalitären Tendenzen geworden«, warf sie vor. »Wenn Sie den UN-Konsens über die vom Menschen verursachte globale Erwärmung nicht unterstützen, wenn Sie auch nur die geringste Skepsis äußern, sind Sie ein Klimawandel-Leugner, ein Handlanger von Donald Trump, ein Quasi-Faschist, der aus der Welt verbannt werden muss.«

Heutzutage akzeptiert der Mainstream der Klimatologie nur Daten, die seine Hypothese bestätigen. Und diese Hypothese besagt, dass die Menschheit hinter der globalen Erwärmung steckt. Diejenigen, die es wagen, sich für mögliche natürliche Ursachen klimatischer Veränderungen zu interessieren, wie zum Beispiel für Sonnenbewegungen oder Erdschwingungen, verlieren in wissenschaftlichen Kreisen ihr Ansehen.

Erwähnenswert ist, dass sich die Rhetorik der Panikmacher zunehmend von der »globalen Erwärmung« zum »Klimawandel« verlagert hat. Dieser Wandel begann bereits 1992, als die UNO ihr Umweltbewusstsein um jede Veränderung erweiterte, die menschliche Aktivitäten in der Natur verursachen könnten, und ein so weites Netz auswarf, dass nur wenige menschliche Handlungen ihm entkommen konnten.

Wissenschaftliche Forschung sollte allerdings auf Skepsis basieren, auf der ständigen Überprüfung von vermeintlichen Tatsachen: Zumindest habe ich dies von meinem Mentor, einem wissenschaftlichen Philosophen unserer Zeit, Karl Popper, gelernt. Was könnte Klimaforscher dazu bringen, die Essenz ihrer Berufung zu verraten? Die Antwort, behauptete Curry, ist: »Politik, Geld und Ruhm.« Wissenschaftler sind Menschen mit menschlichen Motiven. Heutzutage gehen öffentliche Gelder, wissenschaftliche Auszeichnungen und akademische Förderungen an die Umweltforscher. Unter Klimatologen, erklärte Curry, »darf ein Mensch den Kapitalismus oder die industrielle Entwicklung nicht zu sehr befürworten und sollte die Weltregierung vor den unabhängigen Nationen bevorzugen.« Ganz nach dem Motto: Denken Sie anders, werden Sie geächtet. »Die Klimatologie wird zu einer zunehmend zweifelhaften Wissenschaft, die einem politischen Projekt dient«, beklagt sie sich. Mit anderen Worten: »Der Politikkarren führt das wissenschaftliche Pferd an.«

Dies sei in der Umweltwissenschaft seit langem der Fall, betonte sie. Die Kontroverse um die globale Erwärmung begann bereits 1973, während des Golfölembargos, das vor allem in den Vereinigten Staaten die Befürchtung auslöste, dass die Vorräte an Erdöl erschöpft sein könnten. Die Atomindustrie, so Curry, hätte die Situation genutzt, um sich für die Kernenergie als beste Alternative einzusetzen, und würde seitdem kohle- und ölfeindliche ökologische Bewegungen subventionieren. Das Klimawandel-Narrativ war geboren.

Die Nationale Luft- und Raumfahrtbehörde spielte eine Rolle bei der Verbreitung dieses Narrativs. Nach Abschluss ihrer Mondexpeditionen suchte die NASA nach einer neuen Mission, deshalb konzipierte sie einige provisorische Klimamodelle, die sich hauptsächlich auf Kohlendioxid konzentrierten, weil dies ein leicht zu unterscheidender Faktor ist und »weil es der menschlichen Kontrolle unterliegt«, bemerkte Curry. Obwohl es nur einer von vielen Faktoren ist, die Klimaschwankungen verursachen, wurde Kohlendioxid zunehmend zum Bösewicht. Hinter dieser Forschungslinie standen bürokratische Kräfte der Vereinten Nationen, die – selbstverständlich im Sinne Vereinten Nationen – eine Weltregierung fördern.

Anschließend seien Wissenschaftler angeworben worden, die beweisen sollten, dass ein solches politisches Projekt wissenschaftlich notwendig sei, erinnerte sich Curry. Die Vereinten Nationen gründeten 1988 das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), um diese Agenda voranzutreiben. Seitdem haben sich Klimatologen – eine zunehmend sichtbare und florierende Gruppe – diesem Glauben verschrieben.

2005 führte ich ein Gespräch mit Rajendra Pachauri, einem indischen Eisenbahningenieur, der sich selbst zum Klimatologen wandelte und Direktor des IPCC wurde, das im Rahmen seiner Amtszeit den Friedensnobelpreis 2007 erhielt. Pachauri erzählte mir ohne jegliche Scham, dass er für die Vereinten Nationen nur Klimatologen rekrutierte, die von der Erklärung der Erderwärmung durch Kohlendioxid überzeugt waren, und alle anderen ablehnte.

Diese außergewöhnliche Absprache erlaubt Politikern und Kommentatoren heute zu erklären, dass »die Wissenschaft sagt«, dass Kohlendioxid für die globale Erwärmung verantwortlich sei, oder dass ein »wissenschaftlicher Konsens« über die Erwärmung bestünde. Dies wiederum impliziert, dass keine weitere Studie erforderlich ist. Angesichts der Tatsache, dass wissenschaftliche Forschung nicht auf Konsens beruht, sondern auf widersprüchlichen Ansichten, ergibt dies natürlich wenig Sinn.

Curry ist skeptisch gegenüber jeglichen positiven Ergebnissen, die sich aus Umweltverträgen ergeben könnten – allen voran dem Pariser Klimaabkommen 2016. Gemäß den Bedingungen des Abkommens haben sich die Unterzeichnerstaaten – mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, die sich aus dem Pakt zurückgezogen haben – verpflichtet, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, um die Temperatur des Planeten, in etwa auf dem gegenwärtigen Niveau, zu stabilisieren. Doch wie Curry erklärte, wäre die Temperatursenkung im Jahr 2100, selbst wenn alle Staaten diese Verpflichtung respektierten, ein unbedeutender Zehntelgrad. Und dies setzt voraus, dass die Vorhersagen des Klimamodells korrekt sind. Wenn die zukünftige Erwärmung geringer ausfallen würde als prognostiziert, wären die Temperatursenkungen durch die Emissionsbegrenzung noch geringer.

Seit dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens hat keine Regierung ernsthafte Maßnahmen dazu ergriffen. Der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen ist nicht das einzige Problem. Indien ignoriert das Abkommen komplett, und Frankreich »verfehlt jedes Jahr seine Ziele der Treibhausgasreduzierung«, räumte Nicolas Hulot ein, der französische Umweltaktivist und ehemalige Minister von Präsident Emmanuel Macron.

Das Abkommen ist nicht durchsetzbar und enthält keine Sanktionen – eine Bedingung, auf die viele Regierungen bestanden haben, da sie es sonst nicht unterzeichnet hätten. Doch diese Realität ist widersprüchlich: Einerseits hören wir, dass nichts die Menschheit so sehr bedroht wie das Kohlendioxid; auf der anderen Seite passiert praktisch nicht viel, um dieser angeblich schlimmen Bedrohung zu begegnen. Die meisten Ökonomen schlagen vor, dass der einzige wirksame Anreiz zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen darin besteht, eine globale Kohlendioxidsteuer zu erheben. Doch keine Regierung scheint bereit zu sein, eine solche Abgabe zu akzeptieren.

Gibt es nun eine apokalyptische Klimaerwärmung oder nicht? »Uns wird immer wieder gesagt, dass wir einen Punkt erreicht hätten, an dem es kein Zurück mehr gibt – dass zum Beispiel das Schmelzen des arktischen Eises der Beginn der Apokalypse ist«, sagte Curry. »Aber dieses Schmelzen, das vor Jahrzehnten begann, führt nicht zu einer Katastrophe.« Eisbären selbst würden sich anpassen, sich anderswo bewegen und seien noch nie so zahlreich gewesen; sie seien weniger durch das Schmelzen bedroht, als durch die Verstädterung und wirtschaftliche Entwicklung in der Polarregion, so Curry.

Darüber hinaus hat dieser Planet im Laufe der letzten Jahre angefangen, sich abzukühlen, obwohl »niemand weiß, ob diese Entwicklung Bestand hat oder nicht, oder ob das alle Hypothesen zur globalen Erwärmung in Frage stellt.« Laut Curry würde der wirklich dramatische Bruch des polaren Eispanzers nicht durch die globale Erwärmung verursacht werden, sondern durch »Vulkanausbrüche in der Antarktis, die das Eis aufbrechen würden, und das ist nicht vorhersehbar.« Klimatologen sprechen nicht über solche unvorhersehbaren Ausbrüche, weil ihre theoretischen Modelle das Unvorhersehbare nicht erklären können.

Empfiehlt Curry also Passivität? Überhaupt nicht. Ihrer Ansicht nach sollte die Forschung so diversifiziert werden, dass sie die Untersuchung der natürlichen Ursachen des Klimawandels umfasst und sich nicht so sehr auf den menschlichen Faktor konzentriert. Sie ist der Meinung, dass wir uns besser auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten sollten, anstatt Zeit mit sinnlosen Verträgen und Streitigkeiten zu verschwenden – ob es sich nun um eine Erwärmung handelt oder um etwas anderes.

Currys Pragmatismus mag in umweltpolitischen Kreisen keine Anerkennung finden, obwohl niemand die Gültigkeit ihrer Forschung bestreitet oder ihre Daten widerlegt. Doch weder Realität noch Komplexität ziehen die Leidenschaft so an wie der Mythos, weshalb Judith Currys Werk heutzutage so wichtig ist. Ihr Ziel ist es, Mythen aufzudecken und zu bekämpfen.

Quelle: CITY JOURNAL

Dienstag, 16.07.2019

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