Peter Orzechowski

Krieg um das Gas – und die Rolle der EU

Der Krieg um die Märkte für Öl und Gas tobt schon lange. Jetzt hat er Europa erreicht: Die USA wollen durch den Export von Flüssiggas in die Länder Mittel- und Osteuropas den Russen ins Geschäft pfuschen (Kopp exklusiv berichtete). Hier nun die aktuelle Entwicklung.

Nach und nach entlarvt die Realität die Lügengeschichten, die uns Politik und Mainstream-Medien kontinuierlich auftischen. Jüngster Fall: der angebliche Grund für die Sanktionen gegen Russland. Der Westen müsse Zwangsmaßnahmen verhängen – so hieß es offiziell – weil Moskau sich die Krim widerrechtlich angeeignet und in den Sezessionskrieg in der Ukraine eingegriffen habe. Der wirkliche Grund ist ein ganz anderer, wie sich jetzt zeigt: Die USA wollen Russland vom europäischen Gasmarkt verdrängen, um ihr überteuertes Fracking-Gas loszuwerden. Aber der Reihe nach. »Wir planen, die russischen Erdgasimporte nach 2022 einzustellen«, sagte Maciej Wozniak, der Vize-Präsident des halbstaatlichen polnischen Energieunternehmens PGNiG, nach dem Besuch von US-Außenminister Rex Tillerson Ende Januar in Warschau. Polen wolle das osteuropäische Drehkreuz für Erdgas werden. Pikant wird die Geschichte, wenn wir die Hintergründe betrachten. Denn finanziert wird das Pipeline Netz, das zukünftig ganz Ost- und Südosteuropa mit aus Übersee importiertem Gas erreichen wird, von der EU, also von unseren Steuern.

Über ein besonderes Förderinstrument, die sogenannten »Projekte von gemeinsamem Interesse« (PCI), hat die EU-Kommission bereits jetzt eine Milliarde Euro an Steuergeldern für internationale Energieunternehmen weitergereicht. Darunter befindet sich etwa eine »Studie« im Wert von 33 Millionen Euro, um Polen per Pipeline mit der Nordsee zu verbinden. Brüssel fördert auch – in Konkurrenz zur existierenden europäisch-russischen Pipeline Nord Stream, die durch die Ostsee verläuft – mit den LNGTerminals (»liquified natural gas«, also »verflüssigtes Gas«) in Polen und Litauen ein umfangreiches Programm, das LNG-Landungspunkte und Pipelines von Skandinavien über Osteuropa bis Aserbaidschan und Turkmenistan entwickelt. Im Dezember 2017 bewilligte die EU-Kommission 122 Millionen Euro, um ein weiteres LNG-Terminal auf der kroatischen Insel Krk zu bauen. Zuvor hatte sie bereits 4,9 Millionen Euro für eine Studie ausgegeben, eine dazugehörige Pipeline nach Ungarn mit 16,4 Millionen Euro unterstützt, und insgesamt 1,25 Millionen Euro für zwei weitere Studien investiert. Zusätzlich zu den neuen LNG Terminals im litauischen Klaipéda, im polnischen ´Swinouj´scie (Swinemünde mit einer Kapazität von bis zu 7,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr) und im kroatischen Krk planen Kommission und Gasindustrie bereits weitere, etwa auf Malta, in Griechenland und in Schweden, alle natürlich mit entsprechender Pipeline-Anbindung. Die EU-Kommission muss diese Infrastrukturen auch deshalb subventionieren, weil das verschiffte LNG gegenüber konventionell gefördertem Pipeline-Gas, etwa aus Russland oder Iran, auf dem Markt nicht die geringste Chance hätte, weder klimapolitisch noch wirtschaftlich. So nimmt der europäische Steuerzahler den Gasunternehmen einen wesentlichen Teil ihrer Investitionen ab, nämlich die Kosten für die notwendigen Infrastrukturen.

Fracking-Gas für Europa

Pikant ist auch, aus welchen Quellen das importierte Gas stammt, nämlich überwiegend aus den USA, Kanada und Australien, in denen es mithilfe der besonders umwelt- und klimaschädlichen Fracking-Methode gefördert wird. Besonders die USA erleben derzeit einen wahren Öl- und Gas Boom. Gerade erst verkündete das Amt für Energiestatistik im Energieministerium der Vereinigten Staaten EIA (Energy Information Administration), dass die Fördermenge auf täglich zehn Millionen Barrel Erdöl gestiegen sei. Damit liegt die US-Ölindustrie etwa gleichauf mit den Welt-Spitzenreitern Russland und Saudi-Arabien. Nahezu die gesamte »inländische Ölförderung«, bei der Alaska und die Meeresbohrungen nicht mitgezählt werden, wird mithilfe von Fracking gefördert. Die USA könnten demnächst Saudi-Arabien und Russland den Rang ablaufen, prognostiziert die EIA. Auch beim Erdgas liefern sich Russland und die USA ein Kopf-an-Kopf-Rennen (die Gasfördermengen anderer Länder sind im Vergleich dazu unbedeutend). Seit 2009 haben die USA die Nase vorn, von 2002 bis 2008 führte Russland. Im Dezember 2017 holten die Unternehmen in den USA täglich 2,64 Milliarden Kubikmeter Gas aus dem Boden, davon mehr als die Hälfte, nämlich 1,42 Milliarden Kubikmeter aus Schiefergestein, gefördert mithilfe von Fracking.

Der Gaskrieg zwischen den USA und Russland

Spätestens 2030 wollen die US-Exporteure mehr als die Hälfte der EU-Gasimporte abdecken und damit die russischen Gaslieferungen voll ersetzen. Schon in diesem Jahr gehen die Terminals in Cove Point/Maryland, Freeport/Texas, Corpus Christ/Texas und Cameron/Louisiana in Betrieb. Damit könnten die USA rein theoretisch bereits Ende dieses Jahres den kompletten deutschen und britischen Gasmarkt abdecken. Aber wie sollen die europäischen Kunden davon überzeugt werden, das gegenüber dem russischen Erdgas teurere US-Gas zu kaufen? Zum Beispiel indem man Sanktionen verhängt. Dadurch werden russische Exporte behindert und der Bau der zweiten Ostsee Pipeline Nord Stream 2 torpediert. Gleichzeitig wird mithilfe der EU der mittel-oder osteuropäische Markt für amerikanisches LNG erschlossen. Im Zentrum der Interessen der US-Konzerne stehen zwei Märkte, die zusammen mit fast 180 Milliarden Kubikmeter Nachfrage der Kernmarkt für US-Exporte sein könnten – Deutschland und Italien. Interessanterweise sind diese beiden Länder momentan auch mitten im Fokus von scharfen Auseinandersetzungen rund um Pipeline-Projekte mit russischer Beteiligung. Geht es in Italien um den »südlichen Gaskorridor« mit den geplanten Projekten Trans Adria-Pipeline, Turkish Stream und South Stream, geht es in Deutschland vor allem um Nord Stream 2. Aber auf die Regierungen in Italien und Deutschland will man sich nicht verlassen. Soeben hat Brüssel verkündet, der Bau der Pipeline Nord Stream 2 sei nicht nötig. Denn ab dem Jahr 2020 würde russisches Gas durch Flüssiggasimporte ersetzt werden können.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kopp Exklusiv.
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einem Abo, falls Ihnen dieser Beitrag gefallen hat.

Diesen Beitrag teilen