Torsten Groß

Neue US-Studie: Wird es keine Bevölkerungsexplosion geben?

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Einer neuen Studie von Wissenschaftlern der medizinischen Fakultät an der University of Washington zufolge wird die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten deutlich geringer wachsen als bislang angenommen. Nach der kürzlich im Fachmagazin The Lancet veröffentlichten Prognose soll die Population auf unserem Planeten bis zum Jahr 2064 auf etwa 9,7 Milliarden Menschen steigen, dann aber zurückgehen und bis zum Ende des Jahrhunderts einen Stand von nur noch 8,8 Milliarden erreichen. Derzeit hat die Erde knapp 7,8 Milliarden Bewohner. Die Forscher begründen ihre Annahme mit dem verbesserten Zugang zu Bildung und moderner Empfängnisverhütung für junge Mädchen und Frauen in unterentwickelten Ländern. Deshalb sei damit zu rechnen, dass die durchschnittliche Geburtenrate bis zum Jahre 2100 in 183 von 198 Ländern unter das bestandserhaltende Niveau von 2,1 Kindern pro Frau fallen und deshalb die Population in diesen Staaten sinken wird.

980500_jung_staatsantifaDie linke Presse jubiliert: »Die Bevölkerungsexplosion fällt aus« titelt Christian Stöcker bei Spiegel Online und sieht das Argument entkräftet, billionenschwere Maßnahmenpakete zum Schutz des Klimas, wie sie von der EU beschlossen worden sind, seien letztlich sinnlos, weil der Anstieg der Weltbevölkerung die in Europa bis 2050 erzielten Einsparungen beim CO2-Ausstoß mehr als zunichtemache. Doch diese These sei nun vom Tisch, die »herbeigeredet(n) Bevölkerungsapokalypse« werde es nicht geben. Zur Bestätigung führt Stöcker dann noch das 2019 erschienene Buch Empty Planet: The Shock of Global Population Decline an, dessen Autoren die These vertreten, dass die Menschheit schon deutlich vor der Jahrhundertwende schrumpfen werde. Das Fazit des Spiegel-Redakteurs lautet daher:

»Das Argument, gegen den Klimawandel etwas zu tun, bringe ohnehin nichts, weil die Bevölkerung ungebremst wächst, ist schlicht falsch.«

Auch Theo Sommer, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, referiert in einer Kolumne über die aktuelle Studie der Universität Washington und warnt angesichts der von den Forschern prognostizierten rückläufigen Bevölkerungsentwicklung in den meisten Ländern der Welt vor einem »unabwendbaren Arbeitskräftemangel«. Diese alarmistische Vorhersage dürfte bei den meisten Lesern der Zeit zu der unausgesprochenen Schlussfolgerung führen, dass Deutschland im Wettbewerb mit anderen Industriestaaten möglichst viele Zuwanderer aus aller Herren Länder anwerben müsse, damit auch in Zukunft genügend Personal zur Verfügung steht, um die deutsche Wirtschaft am Laufen zu halten.

Was ist von der jetzt veröffentlichten Bevölkerungsprognose aus den USA zu halten? – Zunächst einmal sollte man sich vergegenwärtigen, dass die jetzt veröffentlichte Studie nur eine unter vielen ist. Davon abweichend gehen z.B. die Vereinten Nationen in ihrer Bevölkerungsprojektion 2019 davon aus, dass die Weltpopulation trotz sinkender Geburtenhäufigkeit bis 2050 von heute 7,7 Milliarden Menschen auf dann 9,7 Milliarden wachsen wird, um bis zum Ende des Jahrhunderts auf 10,9 Milliarden zu expandieren. Das wären knapp 2 Milliarden Erdenbewohner mehr, als die Experten der Universität Washington errechnet haben. Die herrschende Meinung in der Wissenschaft folgt eher den Schätzungen der UNO. Wer am Ende recht behalten wird, muss die Zukunft zeigen. Prognosen, die einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten umfassen, sind bekanntlich mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, weil sich die zugrunde gelegten Prämissen im Laufe der Zeit verändern können. Es ist im Übrigen zu einfach, alle bisherigen Vorhersagen einfach über Bord zu werfen und die Bevölkerungsexplosion kurzerhand abzusagen, wie es Stöcker im Spiegel tut, nur weil einzelne Wissenschaftler eine von der Mehrheitsmeinung abweichende Auffassung vertreten.

Doch gesetzt den Fall, die Menschheit würde tatsächlich weniger stark expandieren als angenommen: Dann müssten auch die Klima-Modelle auf den Prüfstand, die vor einer deutlichen Erwärmung der Erde warnen. Denn diese Simulationen basieren auf den gängigen Bevölkerungsprognosen. Lebten aber künftig weniger Menschen auf unserem Planeten, als bislang unterstellt, würde auch der Ausstoß des »klimaschädlichen« Kohlendioxids geringer ausfallen. Dann aber erhebt sich die Frage, ob die ehrgeizigen »Klimaziele«, die in letzter Zeit von der Politik sowohl auf EU-Ebene als auch in Deutschland beschlossen wurden, nicht völlig überzogen sind. Schließlich belasten die daraus abgeleiteten Maßnahmen nicht nur die Steuerzahler erheblich, sondern schränken auch die Freiheitsrechte der Bürger ein. Diese Konsequenz eines gedämpften Anstiegs der Weltbevölkerung, wie ihn die von Stöcker gefeierte US-Studie nahelegt, ist dem Spiegel-Redakteur offenbar entgangen.

Würde das Szenario einer weniger stark steigenden und ab Mitte unseres Jahrhunderts global sogar schrumpfenden Population zu einem Mangel an Arbeitskräften führen, wie ihn Theo Sommer befürchtet? – Damit ist nicht zu rechnen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Automatisierung speziell durch den vermehrten Einsatz von Robotern werden dafür sorgen, dass in den kommenden Jahrzehnten unter dem Strich Millionen von Arbeitsplätzen vor allem in den Industriestaaten verloren gehen.

Ein Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung infolge der demographischen Entwicklung würde diesen Prozess sogar noch beschleunigen, denn er führte absehbar zu einem Anstieg der Personalkosten. Umgekehrt werden innovative Technologien eher preiswerter, was die Rationalisierungskosten für die Unternehmen senkt. Und schließlich: Würde es weniger Menschen und damit Konsumenten auf der Welt geben, benötigte man auch weniger Arbeitskräfte, weil die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zurückginge. Die vorhergesagte Schrumpfung der Weltbevölkerung wird nach Einschätzung der Studienautoren der University of Washington nicht gleichmäßig verlaufen: 23 Staaten sollen bis zum Jahr 2100 die Hälfte ihrer Einwohner verlieren, darunter Japan, Spanien und die Ukraine.

In weiteren 34 Ländern geht die Population laut Prognose um 25 bis 50 Prozent zurück. In absoluten Zahlen besonders stark betroffen wird China sein, das von heute 1,4 Milliarden auf dann 732 Millionen Menschen zurückfällt. Für Deutschland sagen die Forscher eine Einwohnerzahl von nur noch 66,4 Millionen voraus, nachdem 2035 mit 85 Millionen ein historischer Höchststand erreicht werde.

Völlig konträr zu diesem globalen Trend soll sich die Lage in Afrika entwickeln: Unser Nachbarkontinent zählt heute rund 1,3 Milliarden Einwohner, fast doppelt so viele wie Europa. 2050, also in nicht einmal 30 Jahren, sollen es bereits 2,5 Milliarden und zur Jahrhundertwende sogar 4,3 Milliarden sein. Selbst wenn sich die neue Expertenschätzung bewahrheiten und die Weltbevölkerung sinken würde, bliebe der Migrationsdruck auf Europa auch in den kommenden Jahrzehnten hoch!

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Montag, 03.08.2020