Kevin Schröder

Vertane Chance

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Liest man in Thor Kunkels Wörterbuch der Lügenpresse könnte man den Eindruck haben, die Konfrontation zwischen Universalisten und Partikularisten, zwischen Hell- und Dunkeldeutschland, Gut und Böse hätte bereits in vor-coronaischen Zeiten ihren Höhe- respektive Tiefpunkt erreicht. Doch dem ist nicht so. Im Gegenteil, COVID-19 hat die Gräben, die die Gesellschaft durchziehen, noch weiter vertieft.

Es begann damit, dass der polit-mediale Komplex die Ausbreitung des Virus als rechtspopulistische Verschwörung, und jeden, der vor Corona als ernstzunehmende Bedrohung warnte, als Rechten, brandmarkte.

Als die Herrschenden allerdings erkennen mussten, dass doch keine rechte Weltverschwörung am Werk ist, änderte man seine Vorgehensweise. Nun ließ man seinem eliminatorischen Ekel vor dem alten weißen Mann, freien Lauf. Frei nach dem Motto: »Wir speien … dem alten weißen Mann einfach mal ins Gesicht. Take that, you bastard!« (WdL), fühlte sich das »Browser Ballett« Mitte März berufen, in einem, vom ARD-Jugendmagazin FUNK produzierten Video, den Alten mal so richtig ins Gesicht zu spucken. Frohlockend wird erklärt, dass das Virus vor allem den großen Menschenfeind mit der falschen Hautfarbe, dem falschen Alter und dem falschen Geschlecht, dahinrafft. Dies sei »nur gerecht, hat doch die Generation 65 plus diesen Planeten in den letzten fünfzig Jahren voll gegen die Wand gefahren

Das freilich hat sich mittlerweile erneut geändert. In einer atemberaubenden 180° Wendung, spielen sich die ehemaligen Verächter der alten, weißen Männer, nun als deren Beschützer auf. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel Überwindung dieser Schwenk in den Amts- und Redaktionsstuben der Berliner Republik gekostet hat und noch kostet. Doch er ist notwendig, um die dunkel-deutschen Apostaten zu denunzieren, diffamieren und zu pathologisieren.

Es ist dies der altbekannte Politikstil des Merkelismus, seit Jahren erprobt, um Kritiker mundtot zu machen. Wobei sich Corona noch ein bisschen besser dazu eignet. Denn das Virus macht es möglich, die moralische Schuld der Opponenten zu konkretisieren. Nun tragen Häretiker nicht mehr nur abstrakt die Verantwortung für den Tod namenloser Flüchtlinge auf dem Mittelmeer oder den Untergang der Menschheit. Stattdessen sind sie egoistische Unmenschen, die in ihrer Sucht nach billigem Vergnügen fahrlässig und leichtfertig das Leben der Großeltern, Verwandten und Nachbarn aufs Spiel setzen.

Das Ziel der Übung liegt auf der Hand. COVID-19 ist nur Mittel zum Zweck, um den demokratischen Prozess im Sinne von Rede und Widerrede weiter auszuhöhlen und zu beschädigen. Verschwörer braucht es dafür keine, Interessengruppen genügen. Sobald sie ihr Anliegen prominent in der veröffentlichten Meinung zu platzieren wissen, können sie sicher sein, dass früher oder später daraus handfeste Politik wird. Wie genau das funktioniert und mit welcher Perfidie die Mächtigen dabei vorgehen, ist dem Wörterbuch der Lügenpresse zu entnehmen.

Dabei sollte man sich von dem Amüsement, das einen bei der Lektüre der Absurditäten des Bunten Deutschland überkommt, nicht täuschen lassen. Die »haltungsintellektuellen Tugendbolde« (WdL) meinen es ernst. Das hat der ARD-Chefredakteur Rainald Becker zur Genüge bewiesen, der in seinem, inzwischen berühmt-berüchtigten Kommentar vom 6.5. in der Tagesschau, voller Hass Regierungskritiker als »Wirrköpfe« und »Spinner« diffamiert und verkündet: Einen Status quo ante wird es nicht geben! Basta! Unverkennbar die dahinterstehende Drohung an alle jene, die nicht bereit sind, den Geßlerhut zu grüßen.

979100_Kunkel_Woerterbuch_der_LuegenpresseDie nächsten Monate und Jahre werden zeigen, ob es der Nomenklatura gelingt, die Demokratie in Deutschland mithilfe des Virus weiter zu beschädigen. Oder ob die Realität der anstehenden Wirtschaftskrise eventuell das Ende des Merkelismus einläutet. Die Chancen dafür stehen besser als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Das bunte Deutschland hat nicht mehr zu bieten, als Materialismus in seiner profansten und primitivsten Ausformung. Die Berliner Republik besitzt nichts an das man sich in der Not halten, das Orientierung und Trost spenden könnte. So etwas wie ein metaphysischer Überbau ist ihr fremd. Dafür ist man viel zu narzisstisch, als dass er/sie/es etwas anderem Bedeutung zumessen könnte, als dem eigenen dumpfen Bauchgefühl. Das könnte dem Juste Milieu in Zukunft auf die Füße fallen.

Doch das sind nur Spekulationen. Festzuhalten bleibt: Corona beschleunigt die von Kunkel im Wörterbuch der Lügenpresse diagnostizierte Entdemokratisierung der Zustände in Deutschland. Das ist bedauerlich. Denn tatsächlich wäre COVID-19 für die Mächtigen die Chance gewesen, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Man hat sie vertan. Viele wird es nicht mehr geben.

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Mittwoch, 20.05.2020